XMRV bei CFS?

Ein neu entdeckter Retrovirus sorgt für Aufsehen. XMRV (Xenotropic Murine Leukemia Virus-related Virus), der 2006 im Gewebe aggressiver Formen von Prostata-Tumoren entdeckt wurde, ist kürzlich auch bei CFS Patienten (Chronic Fatigue Syndrom) gefunden worden und hat bei den Betroffenen die Aussicht geweckt, dass die Diagnose CFS nach langjähriger Unsicherheit auf eine neue Grundlage gestellt werden kann. Schon früh wurde bei CFS-Patienten ein Defekt des antiviralen Enzyms RNase L diskutiert, der bei Prostatatumoren ebenfalls vorkommen kann und hier zu aggressivem Verlauf führt. Man geht davon aus, dass der RNase L-Defekt die Empfänglichkeit für eine XMRV-Infektion bedingt.

In einer am 8. Oktober 2009 vorab publizierten Untersuchung („Detection of an infectious retrovirus, XMRV, in blood cells of patients with chronic fatigue syndrome“; Sciencexpress, 8. Oktober 2009) des Whittemore Peterson Instituts und des National Cancer Instituts in USA fanden die Autoren in 68 von 101 Patienten (67%) gegenüber 3,7% bei gesunden Kontrollen XMR-virale DNA in B- und T-Lymphozyten. XMRV im Blut von CFS-Patienten erwies sich in T-Zellkulturen als übertragbar, es kommt daher als infektiöse Ursache des CFS in Betracht.

XMRV schädigt das Immunsystem, insbesondere NK-Zellen, deren zentrale Bedeutung in der Elimination von Tumorzellen und Virus-infizierten Zellen liegt. Bei CFS wurde schon früh über immunologische Besonderheiten wie vor allem eingeschränkte NK-Zellaktivität und noch häufiger über reaktivierte Herpes-virale (EBV, CMV, HHV6) und Coxsackie-Virus-Infektionen berichtet. Bis dato ist es jedoch nicht gelungen, eine eindeutige Ursache für CFS festzumachen und verbreitete Zweifel an der Existenz der Erkrankung zu beseitigen. Auch wenn der jetzt erfolgte Nachweis von XMRV bei der Mehrheit der CFS-Patienten nicht automatisch bedeutet, dass XMRV für die Pathogenese des CFS verantwortlich ist und neue therapeutische Möglichkeiten eröffnet, so wäre doch erstmals ein klares diagnostisches Kriterium für den Nachweis von CFS gefunden worden.

Die herausragende Bedeutung dieses Fundes, die zur Vorab-Publikation in Science führte, hat umgehend zahlreiche kritische Stimmen hervorgerufen, die Zweifel an der Methodik anführen und hat die ersten Gruppen bereits zur Nacharbeitung der Ergebnisse angeregt. Tatsächlich liegt bereits eine neue, große Untersuchung aus England an 186 CFS-Patienten vor, die ebenfalls vorab publiziert wurde (O Erlwein et al. „Failure to detect the novel retrovirus XMRV in chronic fatigue syndrome.” PLOS One 2010;5: e8519) und die in keinem einzigen Fall das Vorhandensein von XMRV bei CFS-Patienten bestätigen konnte. Auch der XMRV-Nachweis bei Prostata-Karzinom, der 2006 in USA publiziert wurde, fand zwischenzeitlich keine Bestätigung (z.B. Bannert et al. “Lack of evidence for xenotropic leukemia virus-related virus (XMRV) in german prostate cancer patients” Retrovirology 2009, 6:92).

Aktuell stehen die Studien, beide von hochqualifizierten Einrichtungen, als absolute Gegensätze im Raum und die Ungewissheit ist wieder groß. Da kaum anzunehmen ist, dass die gegensätzlichen Ergebnisse auf schlichten Verfahrensfehlern beruhen, muss gefragt werden, ob die untersuchten Patienten-Kollektive in USA und Europa derart unterschiedlich sind oder ob technische Feinheiten der ersten, positiven Studie zurückgehalten wurden.

Wir haben uns in bemüht, eine an den Kriterien der ersten, positiven Untersuchung aus USA orientierte diagnostische Methode inkl. relevanter Kontrollen aufzubauen. Wir hoffen, dass unsere langjährigen intensiven Bemühungen um eine adäquate Diagnostik bei CFS-Betroffenen durch diese Untersuchung eine relevante Ergänzung erfahren. Zusätzlich sehen wir wie bisher sechs diagnostische Schwerpunkte bei CFS:

  1. Immunfunktion mit ITT, NK-Check, Inflammationsmarker (CRP, IL-6, TNF-alpha, Neopterin, NF-kB), Autoimmunitätsmarker (ANA, ENA, SD-Ak)
  2. Neuroregulation im „NeuroStress-Profil“
  3. Infektionsstatus, insbesondere Herpesvirusnachweise (EBV-DNA, CMV-DNA, HHV6-DNA), Borrelien, Coxsackie, Parvovirus
  4. Energetischer Status (Glutathion, B-Vitamine, CoQ10)
  5. OxStress/Nitrostress (Nitrotyrosin, S-100, NSE, Lactat/Pyruvat, Citrullin)
  6. Hormonstatus (Schilddrüsenfunktion, DHEAS, IGF-I, Testosteron, Östradiol/Progesteron, SHBG, etc.)

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